Honigreise – Herbstausgabe 2018

Honigreise Onlinemagazin Titelbild Herbstausgabe

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Begrüßung

Liebe Leserinnen und Leser!

Draußen wird es Herbst und die Blätter färben sich langsam bunt. Genau so bunt, wie unsere aktuelle Honigreise-Ausgabe, die wieder allerlei verschiedene Beiträge und Fotos mit sich bringt und ebenso bunt, wie der Autismus. Das Besondere dieses Mal: wir haben auch fremdsprachige Beiträge dabei! Machen Sie es sich mit einem Becher Tee und einer Wolldecke auf dem Sofa gemütlich und schmökern Sie in den vielseitigen Beiträgen der Honigreise-Herbstausgabe.

Ihr Honigreise-Team

Novemberchild. Von Kate Heller und Bianca Bräulich

Cry of life tears…
Obscure, murky impasse.
Dully whispering misty shroud above sacred childbirth. Chilly night of november.
The virus sprawls unmistakably, lonely heart drowns in the bliss of winter.
Filled to brimming there falls a heavy tear.

Song of november is fading away…
At the sight of propitious child of winter.
Choir of angel´s chant of night pervades grief, wailed low and voiceless.
Bleeding heart keeps constant watch, nourished melodious sounds
Princess, however, holds baton in her firm hand of winter.
The night elapses in the morning light…
One last kiss to remember for eternity.
The war survived by just one guardian angel.
Forever only you. – I love you!

Once again encompasses…
Bleakness lonely heart.
Tear remains in coppery hair.
Filled with desire is sole beloved impasse.
Kiss of winter above the town where coldness of november prevails.

Charmingly falling snowflakes.

Geschichten über das Anderssein. Von Eva Baumann

Erst „Sherlock“, dann „Die Unsichtbaren“ – es waren Geschichten, die mich auf den Gedanken gebracht hatten, nicht ganz „normal“ zu sein.

Als Kind waren mir Bücher das Liebste. Ich hatte Gesellschaft, ohne mich anstrengen zu müssen. Es gab keine Fehler, keine hochgezogenen Augenbrauen. Die Freunde waren da, wenn ich sie rief, und gingen, wenn ich das Buch zuklappte. Kontrolle. Freunde im echten Leben? Die gab es in der Schule, aber kaum in einem 2000-Seelen-Dorf. Zumindest keine, die in Fantasiewelten abtauchten. Man hing mit den Jugendlichen ab, weil die einen zur Disco fahren konnten, aber was, wenn Disco so ziemlich der erschreckendste Ort auf der Welt ist? So viele Menschen, so irrsinniger Lärm, grelle Lichter … Nein, zu Hause war es sicher. Da alle Schulfreunde weit entfernt wohnten, fiel es auch nicht auf, dass ich immer allein war.

Nicht allein. Meine Bücher begleiteten mich überall hin. Einen 1000-Seiten-Wälzer unter der Schulbank verstecken und parallel lesen und zuhören? Kein Problem, die Schulbücher hatte ich nach der ersten Schulwoche schon durch und kannte den Stoff.

In der Ausbildung das Gleiche. Solange man den Unterricht nicht störte und stattdessen anständige Noten heimbrachte, interessierte es keinen, was man im Unterricht tat. Leute ließen sich wunderbar ausblenden, man hatte schließlich genug mit den Romanfiguren zu tun.

So weit, so normal. Ich hatte irgendwie gemerkt, dass ich anders bin, aber die Figuren in den Geschichten störte das nicht, und andere Freunde brauchte ich nicht. Hin und wieder traten Menschen in mein Leben, die ebenso real wurden wie Romanfiguren – sie waren da, ohne zu stören. Sie hörten zu. Sie sprachen liebe, kluge Worte. Wir fühlten uns verbunden. Wir waren Seelenverwandte. Ich lernte Kommunikation und damit wichtige Zusammenhänge: Wie man auftritt und wie man spricht (Was man spricht? Egal!) entscheidet darüber, ob man gemocht wird oder nicht. Und ich wollte gemocht werden. Irgendwann kann man sich vor dem Anderssein nicht mehr gut genug verstecken. Es findet einen, auch wenn man sich unter einem Berg aus Büchern vergräbt.

Also her mit Büchern über Kommunikation abseits der Worte. Gestik, Mimik, Tonfall. Es gab klare logische Zusammenhänge, dazu das Aufkommen von Daily Soaps und die wachsende Erschwinglichkeit von Videos. Genug Anschauungsmaterial also, um das neu Gelernte in der Praxis zu sehen, ohne unter Leute zu müssen.

Ich lernte. Und ich wurde gut. Ich wusste genau, wie ich auftreten musste, um gemocht zu werden. Es war ein ständiger Glanz, ein warmer Sonnenschein, ohne die Schnelllebigkeit der heutigen sozialen Medien.

Aber es war gelogen. Nicht komplett – ich betrachte es heute noch so, dass ich meine Gefühle der Welt „da draußen“ in ihrer Sprache zeigte. Die Gefühle waren nicht falsch, nur der Ausdruck. Es war nicht meine Sprache. Diese fand ich erst, als ich vor ein paar Jahren begonnen hatte, Romane zu schreiben. Ich wollte wieder zurück zu meinen ältesten Freunden, wollte in unserer eigenen Sprache sprechen, wollte den Herausforderungen des Soziallebens lieber auf dem Papier als in echt begegnen.

400 Seiten später ging das Debüt an die ersten Leser heraus. Das Feedback:

„Deine Figuren sind aber komisch. So denkt und handelt doch niemand.“

„Doch!“, wollte ich rufen. „In Geschichten handelt man durchaus so. Guck doch mal die ganzen Romane und Serien an, wo ein kluger Einzelgänger die kniffligsten Rätsel löst, und dabei in der Gesellschaft nicht akzeptiert ist. Ein Außenseiter kann sehr wohl ein Held sein.“ Rede mir nicht in die Welt rein, die ich im allerkleinsten Detail kenne!

„Aber Leute haben Gefühle. Wenn der Freund der Hauptfigur stirbt, würde sie doch trauern, und nicht einfach weitermachen, als wäre nichts geschehen.“

„Aber Trauer ergibt keinen Sinn. Meine Hauptfigur ist klug und tut nur sinnvolle Dinge.“

„Das ist nicht das Leben!“

Und darauf wusste mein Verstand nichts zu erwidern. Konnte es sein, dass alle meine Leser recht hatten und ich diejenige war, die das Denken und Fühlen von Menschen einfach nicht begriff? Aber ich wollte nicht schon wieder unreflektiert aus der Meinung der anderen auf meine Persönlichkeit schließen. Es gab schließlich Serien wie „Sherlock“ (BBC). Helden durften etwas seltsam und unsozial sein, oder?

Erst die kurze Erwähnung von „Asperger“ in der Serie ließ mich aufhorchen. Ich wusste damit nichts anzufangen. Ungelöste Rätsel? Ein Wort, dessen Bedeutung ich nicht kannte? Das durfte so nicht bleiben. Autismus, aha. Nein, ich bin nicht autistisch. Ich rede. Viel zu viel und viel zu gern. Autismus sind doch die, die nicht reden?

OK, es gibt noch andere Versionen. Viele Versionen, meine Güte. Kein Autist ist wie der andere. Es gibt ein paar Kriterien, aus denen eine Handvoll wohl auf fast jeden Autisten zutreffen, aber teils gravierende Unterschiede. Die Gemeinsamkeiten treffen auf mich zu, mit einer fast schon gruseligen Genauigkeit. Aber nein, ich kann nicht autistisch sein. In meiner Kindheit war „Autist“ ein fieses Schimpfwort für Minderbegabte – genauso gut hätte man „Dorftrottel“ sagen können. Das bin doch nicht ich?

Ich lernte, dass Autisten nicht unbedingt fehlende Intelligenz besitzen, nur eine andere. Unser Denken und Fühlen ist anders, weil wir die Welt ganz anders wahrnehmen. Unser Geist birgt Schätze, die schon fast ein kleines Wunderwerk sind und von Nicht-Autisten kaum mehr wahrgenommen werden. Und wir sind viele. Was sind wir viele! Plötzlich gibt es da diese große Gruppe von realen Personen, die so sind wie ich! Die gleichen Probleme, die gleichen „Superkräfte“ … Ich gehöre endlich dazu!

Eine neue Welt tat sich auf – und die alte verschwand hinter einer Mauer. Zu groß sind oft die Verständigungsschwierigkeiten, zu klein die Toleranz … Viele erwachsene Autisten versinken komplett in einem Meer aus Frust über das mangelnde Entgegenkommen der Nicht-Autisten. Um mit meinen Romanen meine Leser zu erreichen, hatte ich viel über die nicht-autistische Weltsicht gelernt – kann ich die „Fremdsprache“ gut genug, um eine Brücke zwischen den Welten zu schlagen? Kann ich Nicht-Autisten unsere Gedanken und Gefühle in ihrer Sprache erklären und damit etwas zum Verständnis und harmonischen Umgang beitragen?

Urteilt selbst! Ein halbes Jahr habe ich mit der Arbeit an einem etwas anderen Autismus-Ratgeber verbracht, der im lockeren Blog-Stil und mit vielen Illustrationen verziert die Leser auf eine Reise durch unsere Welt mitnimmt. Im November wird er erscheinen und ich freue mich schon darauf, Einsichten in unsere Welt zu teilen.

„Ich bin gespannt auf euer Feedback! Schaut gern auf meinen Seiten vorbei:“

https://schreibenmitautismus.blogspot.de

https://evabaumannautorin.blogspot.de

Folgt mir auf Facebook! https://www.facebook.com/evabaumannautorin

Oder Instagram: https://www.instagram.com/evabaumannautorin

Eva Baumanns Buch „Autismus – eine Bedienungsanleitung“ ist im Verlag BoD – Books on Demand, Norderstedt mit der ISBN: 978-3-75289-714-2 erhältlich.

Autismus - Eine Bedienungsanleitung Cover

Seid bitte achtsamer! Von Anne-Doreen Koepp

Vor längerer Zeit habe ich in einer Gruppe auf Facebook die Aussage einer Frau gelesen, dass Autismus ja inzwischen eine „Mode-Krankheit“ sei. Sie hat dies nicht näher ausgeführt, aber ich als Mutter eines autistischen Kindes saß hier vor dem Laptop, sprachlos und erschrocken. Sofort liefen vor meinem inneren Auge sämtliche Tests, Erlebnisse und Gefühle ab, die ich in den fast 6 Jahren, die mein Kind nun alt ist, mit ihm durchgestanden habe.
Autismus eine „Mode-Krankheit“? Der Duden erklärt das Wort mit „nach Art einer Mode verbreitete Krankheit (mit eingebildeten oder unklaren Symptomen)“. Alle Autisten, die ich kenne, haben weder unklare, noch eingebildete Symptome. Und hinter jeder Diagnose steht eine lange Zeit der Diagnosefindung mit vielen Tests und Untersuchungen. Stress für alle Beteiligten.
Ja, als Außenstehender ist es schwer, das „ganze Bild“ zu verstehen, und sicher sind manche Symptome auch ähnlich, wie bei z.B. Hypersensibilität, dennoch gibt es ja die Differentialdiagnostik, Ausschlussverfahren und zum Glück fähige Therapeuten und Ärzte.

Ich möchte mit diesem Artikel niemanden verletzen oder Autismus als „heilige Krankheit“ darstellen. Ich möchte einfach nur zu mehr Achtsamkeit aufrufen. Und zu Verständnis.

Warum hat mich diese Aussage eigentlich so getroffen? Könnte sie mir nicht eigentlich egal sein? Immerhin weiß ich ja, wie es tatsächlich ist? Ja, das könnte ich. Aber wir leben in einer zunehmend raueren Gesellschaft, in der Egozentrik und Egoismus ganz weit vorne stehen, in der das geschriebene Wort nach Belieben verdreht oder gar gelöscht wird, Dinge, die getan und gesagt wurden, plötzlich nie geschehen sind oder gesprochen wurden. Und ich denke, es ist Zeit, dass wir wieder mehr ins Miteinander gehen, zurück zu Mitgefühl und Verständnis. Und vielleicht, ganz vielleicht, hat die Frau ja auch ein Kind zuhause, welches „auffällig“ ist und sie hat einfach Angst vor dem, was kommen könnte?
Als mein Kind mitten im Supermarkt einen großen Meltdown hatte, und wir hin und her schaukelnd auf dem Fußboden saßen, habe ich mir sehr viel Mitgefühl und Verständnis gewünscht, vielleicht sogar eine Schutzmauer. Stattdessen kamen Sprüche, die nicht hilfreich und sehr beleidigend oder verletzend waren, gewaltvolle, gewalttätige Worte.
Diese beiden Momente sind tatsächlich prägende Eckpfeiler geworden, die mich dazu veranlasst haben, mit anderen Augen durch die Welt zu gehen. Ich bemühe mich, nicht mehr zu urteilen, zu verurteilen oder Vorurteile zu haben. Ich bemühe mich, achtsamer zu sein. Gelingt es mir immer? Nein. Aber ich lebe es vor, ich zeige es und (Achtung Vorurteil!) bringe es meinem Kind empathisch bei. Zumindest hoffe ich das.

Teil sein und teilnehmen.

Ein Kommentar zum Thema Barrierefreiheit aus Sicht eines Autisten

Millionen Gelder werden aufgrund von Vorgaben der Europäischen Union verbaut: Für Rampen, Aufzüge, Hinweise für Blinde oder erhöhte Bürgersteige an Bushaltestellen. Alles fällt unter das Schlagwort Barrierefreiheit. Die meisten Barrieren sind jedoch geistige Schranken.

Autismus ist oft unsichtbar, besonders beim Asperger-Syndrom kann die Anpassungsleistung des Einzelnen so hoch sein, dass Betroffene still leiden. Für Autisten gibt es im Alltag viele Barrieren. Für mich besteht eine Hürde bei jeder Art von Gruppentreffen, besonders wenn sie informeller Natur sind. Ich plane gerne, doch kann nur planen, wenn ich Leute einschätzen kann. Doch ich kann nur Leute einschätzen, indem ich sie besser kennenlerne.

Eine Fallhöhe hat für mich auch die Kommunikation. Ich chatte lieber oder schreibe E-Mails, Telefonieren meide ich soweit es geht. Persönliche Treffen sind noch einigermaßen handhabbar, doch auch hier bevorzuge ich kleine Gruppen. Ich brauche länger zum Verstehen und zum Fokussieren der eigenen Gedanken, oft ist der Zeitpunkt einer Antwort dann vorbei. Bestätigung wie Nicken fällt mir auch schwer, da das Zuhören alleine schon ziemlich viel auf einmal ist. Darüber hinaus springt mein Geist immer ein paar Sekunden mal zu diesem, mal zu jenem Reiz. Es fehlt der Filter, sodass das Unwesentlichste plötzlich ein paar Sekunden wichtig wird, egal ob ich es willentlich möchte oder nicht.

Eine weitere Barriere liegt im Sozialverhalten. Durch naive Geradlinigkeit falle ich manchmal auf, obwohl es gerade das ist, was ich am wenigsten mag: im Mittelpunkt stehen. Manchmal habe ich eine paradoxe Feinfühligkeit, so sehr mir auch manchmal ein körperschaftliches Signal entgeht oder eine subtile Botschaft nicht ankommt, so sehr spüre ich manchmal, den Unterschied, ob jemand sich in einer Rolle darstellt, oder sich ganz persönlich zeigt.

Barrierefreiheit wäre für mich in aller erster Linie wirkliche Offenheit im Geist. Viele Begriffe sind mit ungeschriebenen Regeln aufgeladen: Was „wissenschaftlich“ oder „unwissenschaftlich“ sei oder „normal“ und „verrückt“. Durch das Treffen einer Unterscheidung verteilt jeder Rangplätze. Ist das nötig? Braucht es für alles ein Etikett?

Barrierefreiheit wäre für mich, wenn nachgefragt würde. Ist jemand verwundert oder irritiert über mich, dann kann ich am besten diese Spannung selbst auflösen. Fragt man andere, bestärkt sich oft nur der bisherige Gefühlseindruck.

Der andere ist anders, er ist wie du.

Il mio autunno. Von Kate Heller

O amore mio.

Ready to dance again my darling. My fire. Desire.
Con te… ballare e vivere – Amore mio.

Fallen fire bird, soul of october – Lonely maychild in the blossom of fall.

Pertanto balliamo, quando sarà il momento,
oltre boschi e il campi… voglio vivere con te.

Soulless. Your fire deep in my eyes… What are you waiting for?
My dear flame… Firefly. Get me up and make me dance your blazing colors again.

Con te… e me… Per sempre e sempre.
Con te… ballare e vivere,
stagione più bella.

Now I’m standing right here… Father. Your doll. Your soul the heartbeat in my chest.
Kiss me gently, reanimate. Waving the magic wand – I’m your perfection.
The head’s looking up shy… Innocent eyes on my gorgeous flame. You keep warm
raised firebird, your flaming fantasy. And she starts to dance…

Another tango on earth… soon. – Together again.

Love for eternity.

Kate liebt die bunten Farben des Herbstes, ebenso wie ihr rotes Lieblingskleid.

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Unsere nächste Ausgabe wird ganz im Zeichen der kalten Jahreszeit stehen und kurz vor Weihnachten erscheinen. Wie immer freuen wir uns über Rückmeldungen in den untenstehenden Kommentaren oder per E-Mail an honigreise@enactus.de. Ein großer Dank geht an alle Autoren/-innen für die tollen Beiträge und an unsere zahlreichen Leser/-innen!

2 Gedanken zu „Honigreise – Herbstausgabe 2018

  1. Habe von meiner besten Freundin Eva Baumann von Honigreise erfahren.Finde es wirklich wunderbar hier zu lesen auch als Nichtautist. Macht weiter so&Dankeschön.

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