Honigreise – Winterausgabe 2018

 

Honigreise Onlinemagazin Winterausgabe Titelbild

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Begrüßung

Liebe Leserinnen und Leser!

Auf den Weihnachtsmärkten duften Mandeln und Glühwein, in Gärten und auf Balkonen sieht man die Lichterketten und Sterne leuchten und die letzten Geschenke für Familie & Freunde sind besorgt. Weihnachten steht vor der Tür und damit das Fest der Familie und der Liebe. Lassen Sie sich in unserer neuen Winterausgabe vom bunten Weihnachtscartoon von Herrn Hofmann verzaubern und stöbern Sie in den abwechslungsreichen Geschichten. Wir wünschen Ihnen und Ihrer Familie eine besinnliche und fröhliche Weihnachtszeit.

Ihr Honigreise-Team

Keine frostige Stimmung. Von Dennis Hofmann

Diesen lustig-bunten Cartoon hat Herr Hofmann eigens für die Winterausgabe entworfen.
Weitere Werke von ihm finden Sie unter: 

http://www.mchofmann.de/

 

Gott und das Christkind. Von Daniela Ziemann

Mein Sohn ist 5 – und er ist überzeugter Atheist. Schon seit 2 Jahren. Denn nicht Gott hat die Welt erschaffen. Das war der Urknall. Und wer deshalb an Gott glaubt, der ist dumm. Das ist in sich so logisch, dass ich ihn von seiner These nicht wegbekomme. Auch mein Versuch ihm zu erklären, dass die Menschen früher an Gott geglaubt haben, hilft nicht. Denn heute wisse man es schließlich besser. Und wer deshalb immer noch an Gott glaubt ist halt einfach dumm. Logisch. Das Christkind gibt es für ihn trotzdem. Unlogisch. Aber so ist es manchmal. Die Augen beginnen zu leuchten, wenn die Weihnachtszeit beginnt. Der Dezember verheißt Süßigkeiten, Schnee und Geschenke. Ich als Mutter spüre aber bereits jetzt eine ansteigende Panik aufgrund der Befürchtung, dass er eines Tages mitbekommen wird, dass es das Christkind gar nicht gibt. Ich befürchte, dass er untröstlich sein wird. Nicht so sehr, weil es das Christkind dann in seiner Vorstellung nicht mehr gibt. Ich befürchte, dass er uns die Lüge, die doch irgendwie zu diesem Weihnachtsding gehört, nicht verzeihen wird. Schon Kinder ohne Autismus haben mit der Erkenntnis zu kämpfen und reagieren verstört. Mein Sohn ist in seinen Urteilen unerbittlich. Wird es einen Vertrauensverlust geben? Wird er verstehen, warum wir dieses „Christkind-Konstrukt“ aufgebaut haben? Leider haben wir uns darüber nicht früh genug Gedanken gemacht. Und so lebt das Christkind bei uns so lange es geht.

 

Wie Sport unser Leben veränderte – Autismus und Sport. Von Sabine Hermassi Bräutigam

Als ich mit 4 Jahren die Diagnose Frühkindlichen Autismus für meinen Sohn A. erhielt, war mir klar, dass mein Leben nicht mehr normal weiterlaufen würde . Als A. 5 wurde, musste ich mein Tanz- und Fitnessstudio aufgeben, denn ich schaffte es einfach nicht mehr zu arbeiten. Ich versuchte so viel wie möglich über Autismus herauszufinden, besuchte Fortbildungen und förderte meinen Sohn so gut es ging. Auch die Schulzeit und Freizeitgestaltung von A. gestaltete sich als sehr schwierig. Bis er 12 war, besuchten wir noch die Spielplätze nachmittags. Aber irgendwann merkte ich, dass er dazu zu groß war. Da er schon immer einen sehr großen Bewegungsdrang hatte, suchte ich für ihn eine sportliche Beschäftigung. Leider ohne Erfolg. Auf meiner Suche im Internet nach Sport für Autisten entdeckte ich ein Sportcamp in der Türkei. Das Sportcamp hatte sich auf Sport für Kinder und Jugendliche mit Frühkindlichem Autismus spezialisiert.
Das erste Mal flog ich 2015 mit meinem Sohn dorthin. A. konnte weder einen Ball richtig werfen oder fangen, noch springen oder hüpfen. Es waren unglaubliche Wochen, in denen mein Sohn mehr gelernt hat, als jemals zuvor. Unsere Erwartungen wurden bei Weitem übertroffen. Er war in seinem Verhalten viel ausgeglichener und kontrollierter. Inzwischen war ich 4 Mal mit meinem Sohn dort, und er hat sich zu einem super Sportler entwickelt, der in seiner Freizeit Fahrrad und Inliner fährt, Joggen oder ins Fitnessstudio geht oder wie ein Profi Tischtennis spielt. Seit meiner ersten Rückkehr aus der Türkei, habe ich für meinen Sohn das Programm mit Hilfe von Sportstudenten weitergeführt. Das Wichtigste dabei für uns als Familie ist die sinnvolle Freizeitbeschäftigung für unseren Sohn.
Die Idee ein spezielles Sportangebot für Kinder und Jugendliche mit Autismus anzubieten, kam mir sehr schnell, als ich merkte wie gut sich unser Sohn durch den Sport entwickelte.
Während meiner Arbeit als Fachberaterin für Autismus merke ich immer
wieder, dass es an Freizeit- und Sportangeboten für diese Menschen fehlt. Viele Kinder passen nicht in einen Verein oder können sogar nicht am Sportunterricht teilnehmen. Sie verfügen oft über einen großen unkontrollierten Bewegungsdrang und weisen vielfältige motorische
und koordinative Schwierigkeiten bei der Ausführung unterschiedlicher
Übungen auf. Es handelt sich meist um Defizite in Fein- und Grobmotorik, aber auch beim Fangen, Greifen, Hüpfen, Klettern, Balancieren oder bei ganzheitlichen Bewegungsabläufen. Da diese Kinder in Ihrer Freizeit meistens keinem Sport nachgehen, werden sie bei uns spielerisch an Sport herangeführt und Ihre Leistung langsam gesteigert. Ziel ist es, dass Sie mit Spass und Freude dabei sind und Erfolgserlebnisse haben. Durch regelmäßiges Training sollen die Kinder lernen Ihren Bewegungsdrang besser zu kanalisieren, Ängste abzubauen, Ihr Gleichgewicht zu finden, die Füße mehr zu spüren und Ihre Kräfte an der richtigen Stelle einzusetzen.
Jedes Kind hat ein Programm auf seinem Niveau und bekommt einen eigenen Sportcoach an die Seite, der während der Sportstunde anleitet, unterstützt, erklärt und motiviert. Dazu werden Sportparcours aufgebaut und verschiedene Sportgeräte eingesetzt. Dies alles hilft den Kindern in der Schule am Sportunterricht teilzunehmen oder sogar einem Verein beizutreten. Außerdem kann man es auch gut ins familiäre Umfeld einbauen, gerade wenn es Geschwister gibt. Inzwischen läuft unser Sportprogramm seit einem Jahr in Frankfurt. Wenn Sie mehr darüber erfahren möchten, können Sie jederzeit mit uns in Kontakt treten.

Infos: Sabine Hermassi Bräutigam: s.harmassi@gmx.de

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9 Fragen an Kristofer Hellmann, Autor der „Zeitenstrahl-Saga“

Bereits in unserer Frühlingsausgabe hat Herr Hellmann uns anlässlich der Veröffentlichung seines ersten Zeitenstrahl-Buches „Weltenbund“ einige Fragen beantwortet. Nun ist der zweite Band „Die Rückkehr der Dunklen“ erschienen. Weitere Infos zur Zeitenstrahl-Saga gibt es unter:

http://www.zeitenstrahl-saga.de/

Beim letzten Mal hast du uns verraten, dass schon einige Teile der Zeitenstrahl-Saga fertig geschrieben sind. Hast du nach Veröffentlichen des ersten Bandes noch etwas am zweiten Teil verändert oder hast du ihn genau so veröffentlicht, wie er vorher verfasst war?
– Der Inhalt, also die Story, blieb gleich. Lediglich einige (Tipp-)Fehlerteufel mussten über die Klinge springen. Aber die haben es verdient.

Auch der dritte Teil deiner Zeitenstrahl-Saga ist ja bereits fertig – gibt es schon Pläne für die Veröffentlichung? 
– „Die Silberne Stadt“ soll 2019 erscheinen, vermutlich wird es wieder die zweite Jahreshälfte werden. Aber ein genaueres Datum steht noch nicht fest – das Buch ist momentan noch in der Lektorierung.

Im Frühjahr hast du uns verraten, dass in deinem persönlichen Umfeld niemand Fantasybücher liest – konntest du durch deine bisher veröffentlichten Bücher einige von ihnen davon überzeugen, es doch zu tun?
– Das Interesse stieg schon an, aber wie das mit alten Hunden und neuen Tricks so ist: Viele lesen die Geschichten langsamer, als ich sie schreibe. Dafür haben einige von ihnen wiederum in ihrem Umfeld Leser gefunden.

Du hattest ja nach der Veröffentlichung deines ersten Romans keine Erwartungen bezüglich der Resonanz. Hat sich das mittlerweile geändert?
– Meine Erwartungen sind nach wie vor nicht vorhanden. Ich schreibe nur, weil ich Lust dazu habe. Aber wenn es jemand (gerne) liest, freut mich das natürlich; jeder ist eingeladen, mir in diese fremde Welt zu folgen.

Hast du für deine Bücher auch historische Recherche betrieben und dir in der wahren Geschichte Anregungen geholt?
– Im Scherz nenne ich das Genre meiner Geschichten gerne „Science Fantasy“. Ich recherchiere so viel wie ich kann, die ganze Welt ist so logisch und nachvollziehbar wie möglich aufgebaut. Selbst von mir frei erfundene Gegenstände und Wesen erschaffe ich nach physikalischen und biologischen Regeln. Dieses Prinzip setzt sich in der Geografie, dem Klima, den Sprachen und den Ethnien fort. Die verschiedenen Währungen des Kontinents beispielsweise ziehen ihren Wert aus dem Silbergehalt, den ich tatsächlich auf das Gramm genau beziffert habe. Dabei habe ich mich an antiken und mittelalterlichen Werten orientiert, mich aber beispielsweise auch gefragt: „Wie wirkt sich die Existenz eines Volkes wie der Zwerge, die naturgemäß vor allem Erzschürfer sind, auf den Wert des Silbers aus?“ Die kommen ja an Adern heran, die unseren realen Vorfahren aufgrund fehlender Technik lange verwehrt geblieben wären. Von Auswirkungen wie Magie ganz zu schweigen.
Ich habe zwar bei der Fantasy die Freiheit, eben keinen historischen Roman zu schreiben, aber es muss alles stimmig sein. Gerade das war der Grundgedanke, der am Anfang stand: Eine erfundene Welt, die aber so logisch wie möglich ist.Wobei ich bei Fantasyliteratur den Begriff „realistisch“ bewusst vermeide.


Als das letzte Interview stattgefunden hat, hattest du bereits den 9. Teil abgeschlossen, wie viele Teile hat die Saga bis jetzt?
– Momentan steht die Zahl 9 fest. Ich habe vor einer Weile Arbeiten an einer Geschichte begonnen, bei der ich aber nicht sicher bin, ob sie in den Kanon der Zeitenstrahl-Saga passt. Möglicherweise führt dieser Bogen zu weit, und der Leser soll natürlich das bekommen, was auf der Verpackung steht: Die Zeitenstrahl-Saga.
Glücklicherweise kann ich diese Entscheidung noch aufschieben, da mit dem Erscheinen der verbliebenen Bände noch genug Zeit ins Land gehen wird.


Für die Zeitenstrahl-Saga hast du unglaublich viele Charaktere, Wesen und Sprachen erfunden. Fällt es dir manchmal selber schwer, dabei den Überblick zu behalten oder hat man als deren „Vater“ immer alles im Blick?
– Ich kenne meine „Kinder“, um bei dem Bild zu bleiben, recht gut. Schwierig wird es nur hin und wieder bei kleinen Details: War die Narbe links oder rechts? Waren es grüne oder braune Augen? Aber wie heißt es so schön – es kommt auf die inneren Werte an. Und die sind immer präsent.

Hast du einen Lieblingscharakter aus der Zeitenstrahl-Saga und wenn ja, wer ist es und warum?
– Wenn ich einen Charakter nicht oder weniger mögen würde, wäre das nicht eine Kritik an meiner eigenen Arbeit? Natürlich sind „die Bösen“ unsympathischer und keine guten Vorbilder. Aber ohne sie wäre die Geschichte doch reichlich langweilig.
Bei den Charakteren habe ich keine Rangliste, aber ich gebe zu, dass ich mich darauf gefreut habe, bestimmte Konstellationen herbeizuführen oder zwei bestimmte Charaktere endlich aufeinander loslassen zu können.


Hast du die Idee, kurze Krimigeschichten in der Welt Nan zu schreiben, schon umgesetzt?
– Zu meiner Schande nicht. Die Ideen wurden zahlreicher, aber ich habe andere Projekte, die ebenfalls schon lange darauf warten, endlich abgeschlossen zu werden. Ein Ärger, dass sich die Zeit nicht nach unseren Bedürfnissen richtet (ja, das war ein kleiner Verweis auf den Hintergrund der Zeitenstrahl-Saga).
Ich hoffe, mich nach Abschluss meines momentanen Projektes, ein paar der „kleineren“ Aufgaben zuwenden zu können. Hoffentlich schon nächstes Jahr.

 

Dezember-Chaos. Von Anne-Doreen Koepp

„Ich muss mich beruhigen, ich muss mich beruhigen. Mama, beruhige mich!“ Mit flatternden Händen und tränenüberströmten Gesicht steht er verzweifelt vor mir. Während ich ihm helfe, sich zu beruhigen, rasen meine Gedanken. „Oh nein, noch ein Meltdown? Der wievielte ist es jetzt diesen Monat? Was ist diesmal der Auslöser?“ Sobald mein Sohn signalisiert, dass es besser ist, trete ich zurück, lasse ihn los und atme durch. Ich biete ihm etwas zur visuellen und taktilen Ablenkung an. Einen harten Igelball und ein Lichtspiel. Dankbar nimmt er es an, kriecht auf die Couch und versinkt in seine Minecraft-Welt. Besorgt setze ich mich dazu, schaue in unser Tagebuch. In diesem Buch notiere ich unsere Tage, Dinge, die wir getan haben, die eventuelle Auslöser sein könnten. Im ersten Moment fällt mir nichts auf. Ich beschließe, die zunehmende Häufigkeit der Meltdowns bei der Autismus-Therapie zubesprechen.

„Es ist Weihnachtszeit, Frau Koepp.“
Natürlich! Innerlich schlage ich mir die Hand vor die Stirn. Welch „Anfängerfehler.“ Jedes Jahr, beginnend ab Dezember, ist mein Kind im Ausnahmezustand. Ein Meltdown folgt dem nächsten, trotz Vermeidungsstrategien. Einkauf erledigen? Möglichst ohne Kind. Weihnachtsmarkt? Nicht möglich. Überall glitzert und funkelt es, Menschen laufen in Weihnachtskostümen rum, verteilen Schoko-Nikoläuse und andere Dinge. Die Stimmung ist anders, Gerüche liegen in der Luft. Es ist zu viel. Die Reize sind nicht mehr auszublenden. Wenn der Overload nicht ausreicht, kommt es zum Meltdown. Danach, im schlimmsten Fall (für uns), zum Shutdown.

Kann ich dem entgegenwirken? Bedingt.
Allem voran ist Verständnis das Wichtigste. Ich helfe meinem Kind nicht damit, wenn ich es anschreie, ignoriere oder böse Dinge, wie zB „stell dich nicht so an“ sage. Ich bin verantwortlich für mein Kind, also helfe ich ihm, diese Situation zu überstehen. Ich atme. Tief und bewusst, ein und aus. Vermeidung ist ein weiterer, wichtiger Punkt. Kenne ich die Auslöser, kann ich sie vermeiden. Muss das Kind wirklich mit zum Einkaufen? Wenn ja, wie kann ich das Kind abschirmen? Kopfhörer gegen die Geräusche, Sonnenbrille gegen die Lichter. Vielleicht eine kleine Flasche mit dem Lieblingsduft/ Creme/R äucherstäbchen dabeihaben? Wir nennen das hier „Reizumlenker“. Bei uns sind es ein „Beißfuß“ aus Silikon, Bälle in diversen Ausführungen, Kopfhörer, die eine sehr hohe Dezibel-Zahl abschirmen und (ironischerweise) eine Farbwechsel-Lampe. Diese Dinge müssen immer griffbereit sein.
Und ansonsten einfach irgendwie den Dezember überstehen, mit dem Wissen, dass es ab Januar ruhiger wird. Und spätestens ab Oktober wieder daran denken, dass der Dezember vor der Tür steht.

 

Vendetta, Part IV, Abs. 2. Von Kate Heller

Dieser Text ist ein winterlicher Ausschnitt aus Kates Romanprojekt „Vendetta“. Passend zur Szene hat sie außerdem ein Bild gestaltet:

Unebene Flüsse zeichneten die Wüste aus Schnee. Kein Ausweg aus der frostigen Dürre hielt der eisige Hauch über dicken Eisschichten die Bergwiesen fest im Griff, während droben die Wipfel wacker im Winterkleid tanzten. Kein Laut untermalte den beißenden Geschmack seines Atems. Immer wieder rieselte die aufgewirbelte Substanz erfroren mit der Schwerkraft ihresgleichen entgegen. Schlug auf ebenso leisen Pfoten wieder auf, wie der Wind konstant über die Alm schlich. Es war Ende November als sie sich wieder beruhigt hatte. Seit nunmehr knapp über einem Monat, der sich anfühlte wie zwei halbe Jahrzehnte, erlebte sich die kalte Jahreszeit wie die hiesigen Auswirkungen des zweitenWeltkrieges. Was in der Tat nun davon übrig blieb war gegenwärtig eine ausgeglichen ruhende Sphäre winterlichen Antlitzes. Stumm, unbefleckt und kalt wie das Herz der Antarktis. Das winterliche Outback der Schweizer Alpen.

Mürbe gab der Ast unter dem Gewicht der Schneedecke nach als Jubelgeschrei sich nähernd der Schlitten an ihm vorbeisauste. Lediglich ein geteiltes Stück Holz blieb gebrochen im Schneehaufen der Wurzel einer Tanne dort übrig, nachdem der Schnee ruckartig dem Boden entgegenglitt. Ein dumpfer Aufprall gefolgt von lautem Hundegebell. – „Ali!“ – Der Bernhadiner galoppierte ihnen nach und blieb am Hang oben stehen, lediglich um sich der Rufe entgegen noch einmal herumzudrehen, als dessen Weggefährten nach seinem Aufenthaltsort lauschten. Behutsam wanderte der Blick den Baumstamm hinauf, wo der Ast ein kleines Loch in sein grünes Nadelkissen geschlagen hatte. Die hängend dunklen Knopfaugen lugten einen Moment lang andächtig empor, so als wären sie bereit der Tanne ihr Mitleid zu bekunden, bevor er aufgeweckt von noch weit entferntem Gebrabbel allmählich doch wieder dem Hang entgegen spähte. Entschlossen drehte sich der Pelz herum, trottete zielstrebig auf das gezeichnete Harz zu, um sanft die Zähne um das kahle Astwerk zu schließen und zog kraftlos darunter zierlich trauernde Nadelspitzen aus ihrem Schneekokon.

Gemächlich erst einen Fuß vor den anderen wurde der Vierbeiner nun immer schneller, der doppelten Furche des Schlittens im Schnee zu folgen. Das Fass fest um den Hals gebunden, vermischten sich die Pfoten mit den Abdrücken, welche der Schlitten auf dem weißen Polster hinterlassen hatte. Sie drangen mit zunehmendem Tempo immer tiefer in die gefrorene Substanz.
„Woooooohoooh!“
„Yaaooo!!“
Rapide raste das hölzerne Objekt über einen Felsen, landete schwungvoll im Schnee als es eine Tanne umrundete. Gefolgt von heiterem Kinderlachen, dem Echo die Klinke in die Hand zu spielen. Mit ihrer Abfahrt hoch oben am Hang hatten sie bereits einen ganz schönen Zahn zugelegt. – Und es war noch lange kein Ende in Sicht. Lilia konnte es gar nicht wild genug gehen, im Gegensatz zu ihrer Zwillingsschwester, deren Hände unter brombeerfarbenen Fäustlingen sich bereits immer fester in den hellgrünen Stoff gekrallt hielten, wie er sich ihr über ihren Rumpf gelegt hatte.

Das schulterlange blonde Haar unter dem türkisgrünen Haarband hüpfte im Fahrtwind, als das Holz unter ihr bereits um sein nächstes Hindernis schnellte. Äste unter Kufen striffen rasch einschneidend über eine Gesteinsader. Ob es jetzt vor Schreck oder die pure Freude war, juchzte Rose auf. Zugegeben hatte sie selten so einen Spaß gehabt und was gab es schließlich lustigeres, als ihn mit Lilia zu teilen? Mit ihr in ihrer Nähe wurde auch die steilste Rodelfahrt schnell zum Abenteuer. Bedacht dennoch schlossen sich die Arme unter der rosa Steppjacke nun um die Gleichaltrige vor ihr, welche die Zügel in den ihrerseits cappuccinobraunen Handschuhen fest auf den Holzbrettern hielt. In der jüngsten Kurve etwas in der Geschwindigkeit ihres Gefährtes gedrosselt, hatten sie diesen Verlust an Tempo mindestens doch ebenso schnell wieder drauf. Wenn sie nicht sogar noch schneller geworden waren. Würden sie jemals anhalten?

Japsend landete Alibaba nach einem Sprung auf allen Vieren. Wirbelte Schnee und Erdablagerungen über Gestein auf, kickte übrig verbliebene Tannenzapfen unwillkürlich immer wieder vor sich her, wie einen Fußball in Richtung Tor. Der Lauf für ihn schien kein Ende zu nehmen, doch wie weit der Schlitten ihm vorausgefegt war, wusste der treue Bergbewohner offensichtlich genau. Und wer kannte sich hier oben schließlich besser aus als er? Dort wo seit Anbeginn der Zeit die Felsen den hellen Klang auch ihres fröhlichen Lachens trugen. Schon viel zu lange war es nun her, dass er Sally mit sich auf die Bergwiesen führte. Mittlerweile begleitete er sie bei all ihren Arbeiten dort unten auf der Berghütte, leistete ihr am Kamin Gesellschaft, wenn sie oft bis spät in die Nacht über ihren Büchern hing und über ihre Weltanschauungen philosophierte. Sally war so viel ruhiger geworden, seit Frodo sie vor einiger Zeit mit auf die Ausstellung nahm. Seitdem konnte sie nicht mehr damit aufhören ganze Wälder bleicher Seiten mit Buchstaben zu bepflastern und dann war da ja noch diese Sache, nach der sich jedes junge Mädchen in ihrem Alter langsam doch sehnte, welche ihre Kreativität neuerdings beflügelte. Aus dem neugierigen und unzähmbaren Dorfkind war eine wissbegierige junge Frau geworden. Redegewandt und feminin.

Nun war es ja keine Besonderheit mehr, dass er gewohnt gerne den lieben langen Tag faul auf dem Flokati verbrachte, doch war nicht nur dem starrsinnigen Alten dieser Besuch eine willkommene Abwechslung. Auch wenn die Zwillinge ihn in seiner ausgedehnten Ruhephase ganz schön auf Trab hielten. Der kupfern befleckte Rüde wusste genau, wo sie waren. Auf sicheren Pfoten eilte er zielstrebig durch die Stämme hochragender Tannen hindurch, sprang über den vier Meter breiten Fluss aus Eis. An der großen Höhle setzte er auf die Abkürzung eines schmalen Pfades, sprang von Vorsprung zu Vorsprung über Gesteinsadern die unebene Felswand hinunter. Volle Kraft voraus sägte der Schlitten über eine Baumwurzel. Noch immer hatten sie nicht an Geschwindigkeit verloren – im Gegenteil. Ihre jüngereSchwester im Nacken, hatte Lilia alle Mühe damit sich auf dem hölzernen Objekt zu halten. Die fragilen Nadelspitzen unter ihren Fäustlingen fest an die Bretter gepresst, nahmen diese mit ihnen Kurs auf die Wiese, welche sich weit hinter seinem Nachbarn erstreckte.
„Dort ist der Wald zu Ende!“
Die Antwort ihrer Schwester blieb aus, als Lilia glucksend aufschrie.
„Juhuuhhh!“

Der Schlitten sauste schwungvoll über eine Eisschicht, welche sich wie ein Sprungbrett über dem Astsalat erhob, der sich vor dem Ausgang auf dem Weg aufgetürmt hatte. Die Zwillinge schrien auf, da erschien er vor ihnen. Ruckartig sprang auf sie rotbraunes Fell. Kerzengerade in einem Schneehaufen kam der Schlitten abrupt zu Fall. Während Lilia sich noch schimpfend aus dem frostigen Mantel befreite, lag Rose schon lachend im Schnee. Sie malte mit Armen und Beinen ihren Schneeengel im weißen Grund. Verunsichert lugten die marineblauen Augen nun über den fleckigen Pelz, der sich behutsam über der verschnaufenden Lunge auf und ab senkte. „Oh wow!“
„Was denn?“, wollte Rose wissen und erhob sich neugierig aus der weißen Decke.
„Ein Tannenbaum, wie schön.“ Nur langsam hob auch Alibaba den Kopf. Die dunkel umrahmten Augen senkten sich tief über der Schnauze im Angesicht des Funds, er ließ entspannt den Kopf zu Schnee. Das Marineblau in ihren Augen glitzerte in Gegenwart der weiß verzierten Zweige mit dem sonnenverwöhnten Schnee um die Wette.

„Wuaff.“ Der Vierbeiner trottete zu der dicken Eisschicht am Fuße des Gesteins, begab sich einen Schritt hinab, um etwas hinter den Felsen zu suchen.
„Heyy!“ Genervt über die Eigensinnigkeit des pelzigen Gefährten folgte Lilias Blick dem Hund. „Was suchst du da hinten, Ali!? Da findest du keine Schnecken!“ Doch der Hund suchte beharrlich weiter und schien kurz darauf auch fündig geworden zu sein. „Was machst du nur immer?“, maßregelte das Kind den Hund noch, als dieser zurückgetrottet kam, flauschte ihn durch. Jetzt erst bemerkte sie das kraftvolle Dunkelgrün unter dem warmen Hundeatem. Einen Augenaufschlag später hellte sich die Miene auf. „Ali? … Oh Ali, du hast ja einen Tannenzweig mitgebracht!“

„Fein.'“ jubelte Rose aufgeregt, „Ich hol rasch die…anderen.“
„Lilia, hast du…?? Oh nein!“ Nicht nur Rose durchkämmte aufgeregt suchend den Schneehaufen hinter dem Schlitten. Auch Alibaba schien fleißig mit ihnen zu suchen. Doch der resignierte Ausruf der Älteren verhieß nichts Gutes.
„Aaach herrjeeeh…“
Langsam folgte Rose dem grünen Mantel, der den Tränen nahe über einer Schlucht kauerte.
Die Verzweiflung stand beiden Mädchen ins fahle Gesicht geschrieben. Zwei leuchtend tiefblaue Augenpaare unter hängenden Augenbrauen zeichneten den entsetzten Blick zweier Trauerweiden, welche einer Flaute unterm heimischen Tannenbaum gleichkam. Die Mundwinkel immer tiefer, brachte ihr Schluchzen nur ein heiseres ‚Oh nein.‘ zustande. Resigniert sanken die Körper ein Stück in sich zurück, brachen kurz darauf trauernd über dem Schneegebilde um ihren Schlitten kauernd zusammen.

„Sucht ihr vielleicht das hier??“
Aufgeschreckt wirbelten die Schwestern herum, blickten in das ausgedehnte Büschel zusammengeknüpfter Tannenzweige unter dem amüsiert verweicht runden Gesicht eines jungen Mannes, welches umrahmt von zottelig schwarzen Haaren sie unbeschwert sorglos anlächelte. Um den Kopf ein rotes Stirnband gebunden, trug er einen weiß-roten Mantel über dunklen Hosen. Übertrieben freundlich musterte das Subjekt die skeptischen Visagen, wobei Lilia dem Fremden in einer schnellen Bewegung die Zweige aus der Hand fegte. Stumm öffneten sich die Lippen zu einem Kommentar als Lilia bereits um sich bellte.
„Hat dir schonmal jemand gesagt, dass Stirnbänder mit irgendwelchen gepunkteten Kreisen bei Jungs hässlich sind!?“

„Öööhh…“ Die goldbraunen Augen sprangen verwirrt auf. Augenscheinlich wusste der Fremde darauf keine Antwort. Mit der zotteligen Mähne hatte er fast etwas von einem Löwen, fand zumindest Rose. „Bääähhh!!“
Lilia quetschte das Grün in ihrem Handschuh als sie ihm die Zunge entgegen streckte. Lautes Gebell hallte über die verschneiten Bergwipfel, als sie sich schnippisch herumwand. „Ali!“, rief er, als ein dumpfer Aufprall folgend ihr verriet, dass er gefallen war. Etwas hatte den Jungen niedergerissen, hockte auf ihm und leckte ihm fleißig übers Gesicht. Als Rose den Blick an ihrer Schwester vorbei wagte, erkannte sie den Bernhardiner, wie dessen Zunge zärtlich über die Wangen des Dunkelhaarigen rannte, der von der kitzelnden Streicheleinheit erheitert zu lachen begann.

„Ali, AUS!!“, schimpfte Lilia aufgebracht, doch der ließ sich auch von ihrem fauchenden ‚A-LI-BA-BA‘ gar nicht aus der Ruhe bringen.
„Komm da runter.“, quengelte Rose, die nun versuchte gemeinsam mit Lilia den Hund von dem Unbekannten zu zerren. „Aaliiii!“
Langsamen Schrittes marschierten die schwarzen Schuhe durch den Schnee, hinterließen längliche Furchen tief in seiner Substanz. Der Schal, welchen er sich selbst über den Kopf gezogen hatte fiel ihm tief ins Gesicht. Vor dem Strauch Tannenzweige, welchen das Kind in der Hektik hatte fallen lassen fuhr der Arm nach unten aus, hob es auf. Für einen minimalen Augenblick erhob sich der Schal im Wind ein Stück nach oben, als er es stumm begutachtete. Der Schal gab die Sicht frei auf das leuchtende Tiefviolett in seinen aufsteigenden Augen. Und auf einmal lächelte er entspannt. Folgte stumm dem zarten Puderregen über die Berge.

Wie immer freuen wir uns über Rückmeldungen in den untenstehenden Kommentaren oder per E-Mail an honigreise@enactus.de. Ein großer Dank geht an alle Autoren/-innen für die tollen Beiträge und an unsere zahlreichen Leser/-innen!

 

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