Honigreise – Sommerausgabe 2019

 

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Begrüßung

Liebe Leserinnen und Leser,

pünktlich zur Urlaubszeit ist unsere neue Honigreise Sommerausgabe da! Rund um das Thema Autismus bieten wir dieses Mal wieder besonders bunte und sommerliche Beiträge. Ob im Flugzeug, auf der Liege am Strand oder im eigenen Garten – Honigreise ist garantiert ein spannender und abwechslungsreicher Zeitvertreib. Viel Spaß beim Lesen! 

Ihr Honigreise-Team

 

Wenn die Masken fallen – Anne-Doreen Koepp

Mein Kind wollte gerne mehr Kontakt zu fremden Kindern haben. Natürlich habe ich versucht, diesen Wunsch zu erfüllen. Kurzerhand mit dem Jugendamt als Kostenträger zusammengesetzt und eine, wie wir dachten, passende heilpädagogische Gruppe gefunden. Das Erstgespräch verlief super. Ich hatte ein wenig Bauchweh wegen des dort verwendeten Belohnungssystems, man versicherte mir jedoch, dass es bei meinem Kind nicht angewandt wird. Die Betreuer wirkten sehr freundlich, offen und professionell. Ich erwähnte mehrfach, dass mein Kind niemals draußen allein gelassen werden darf, da Weglauftendenzen bestehen und er kein Gefahrenbewusstsein hat. War alles kein Problem, wurde notiert und versprochen, dass das nicht passieren wird.

Im Laufe der Eingewöhnung zeigten sich die Betreuer bereits komplett anders. Harsch, unfreundlich, teilweise überheblich und sogar respektlos. Den Kindern gegenüber. Wir sprachen es an und es besserte sich kurzzeitig. Zuhause zeigte sich mein Kind immer auffälliger, gestresst, erwähnte, es habe Angst vor den Betreuern. Ich bot ihm an, ihn aus der Gruppe abzumelden, aber er wollte weiterhin dorthin gehen. Ich bewundere ihn so sehr dafür. Dann kam der Tag, an dem ich mein Kind abholte und ihn alleine draußen vorfand. Ich muss dazu sagen, dass das Grundstück für jeden öffentlich zugänglich und nicht eingezäunt ist. Mein wunderbares Kind stand also alleine draußen, auf einem riesigen Grundstück und sah völlig verloren aus. Er kam auf mich zugerannt, fiel mir zitternd in die Arme. Auf meine Frage, wo die Betreuer wären, hatte er keine Antwort. Nirgends war jemand zu sehen. Weder andere Kinder, noch Betreuer. Er hätte weg sein können. Dieser Gedanke wird mich ewig verfolgen. Wir sind dann in den Gruppenraum gegangen, in dem wir zwei Betreuer vorfanden. Auf meine Frage, wie es sein könne, dass mein Kind alleine draußen war, gab es keine Antwort. Wir wurden abgefertigt mit den Worten „ich kläre das nochmal“. Das wars. Sonst nichts. Keine Entschuldigung, keine Reue, kein Erschrecken.

Am Tag danach war Sommerfest, die Betreuer waren da und bis auf eine ignorierten sie uns. Ignorierten mein Kind. Für uns ist klar, dass er dort nicht wieder hingehen wird. Die Schule fängt bald an, bis dahin darf er den Sommer nochmal komplett frei erleben. Ich möchte jeden, der dies liest, bitten, genau auf die Einrichtung zu achten. Auf das eigene Bauchgefühl. Auf die Art der Betreuer, mit den Kindern umzugehen. Und sollten Pädagogen diesen Text lesen: hört auf die Eltern. Niemand, außer der Kinder selbst, kennt die Kinder so gut, wie die eigenen Eltern. Es ist kein Klammern, kein „helicoptern“, wenn euch Eltern bitten, auf diese und jene Eigenschaften zu achten. Es ist kein Übertreiben, wenn euch Eltern sagen „mein Kind ist besonders.“ Das ist vielleicht oft nicht mal stolz gemeint, sondern eben die Besonderheiten/Eigenheiten des Kindes betreffend. Und bitte: setzt keine Masken auf. Das verunsichert nur.

©️ Anne-Doreen Koepp

 

Interview mit Autor Kristofer Hellmann

In unserem letzten Interview warst du dir nicht so sicher, ob du eine neue Idee mit in die Zeitenstrahl-Saga mit einfließen lassen möchtest. Hast du dich inzwischen festgelegt, ob die Saga nach neun Bänden ihr Ende findet oder ob es einen zehnten Band gibt oder ob aus der Geschichte ein neues Projekt entsteht?

Die Zeitenstrahl-Saga wird mit Band 9 beendet sein. Die letzten beiden Bände werden jedoch schon darauf hinweisen, dass es so einfach nicht ist. Die Geschichte(n) aus der Zeitenstrahl-Saga werden an dieser Stelle einen Abschluss haben. Doch es gibt einen großen Bogen, dem diese wie auch die noch in Arbeit befindlichen Sagas folgen werden. Jede Saga ist dann in sich abgeschlossen und kann ohne Vorkenntnisse gelesen werden und ohne dass man eine andere der Sagas gelesen hat. Man kann sie alle als eigenständige Buchreihen begreifen. Untereinander wird es allerdings Verbindungen geben, Figuren, Ereignisse und dergleichen werden aufgegriffen. Derjenige, der die vorigen Geschichten kennt, wird auf alte Bekannte stoßen und auf Anspielungen auf etwas, bei dem er selbst dabei war. Alle anderen können die „alten“ Geschichten als Prequels etc. nachholen – wenn sie denn wollen. Eine ausführlichere Beschreibung dieses „großen Bogens“, der sich aus den einzelnen Sagas bildet, findet man auf der Website kristoferhellmann.de unter der Rubrik der Nebelpfad-Chroniken.

Außerdem hast du davon gesprochen dich in diesem Jahr „kleineren“ Aufgaben zu widmen, hast du dafür inzwischen Zeit gefunden und um welche Projekte geht es da?

Aus der ersten dieser geplanten kleineren Aufgaben ist eine größere geworden: Die nächste Saga, die zeitlich nach der Zeitenstrahl-Saga spielen wird. Der Umfang wird zwar ein wenig kleiner sein, wir sprechen hier aber immer noch von mehreren Buchbänden. Die Handlung wird sich deutlich von den aus der ersten Reihe bekannten unterscheiden. Lasst euch überraschen! Ansonsten habe ich mich im vergangenen Jahr verstärkt dem grafischen Teil gewidmet, vor allem der Ausgestaltung von Adelswappen und Karten.

Wie sieht dein Plan für die Veröffentlichung der nächsten Bände aus, wirst du jedes Jahr einen neuen Band veröffentlichen?

Geplant sind zwei Bände pro Jahr, immer im Halbjahrestakt. Inwieweit sich die Erscheinungsdaten mal nach vorn oder hinten verschieben, hängt letztlich vom Verlag, den Druckereien und den Vertriebspartnern ab – ich bin ja nur der Autor. Und die Geschichten sind längst geschrieben.

Hast du über deine Bücher Kontakt zu Lesern erhalten?

Nicht in dem Maße, auf den diese Frage wahrscheinlich abzielt. Natürlich bekomme ich Rückmeldungen von Lesern aus meinem direkten Umfeld. Aber ich bin nicht so berühmt, dass ich auf der Straße angesprochen und um Autogramme gebeten werde (aber ich sehne mich auch nicht nach einer Paparazzi-Meute, die mich verfolgt).

Wir reden immer nur darüber, dass du Bücher schreibst, gibt es auch Dinge in deiner Freizeit mit denen du dich gerne beschäftigst?

Naturgemäß lese ich gern. Wenn die Zeit reicht, widme ich mich auch gern dem Zeichnen und quäle meine Gitarre oder meine Tin Whistles. Aber genau das ist der Knackpunkt: Die Zeit, denn das Schreiben und die übrige Arbeit an dieser doch sehr komplexen Welt verschlingt viel davon. Dieser

Punkt entbehrt auch nicht einer gewissen Ironie, wenn man den Titel der Saga und das zentrale Thema berücksichtigt – die Zeit.

 

Elegant abhängen am Strand – Dennis Hofmann

Diesen lustig-bunten Cartoon hat Herr Hofmann eigens für die Sommerausgabe entworfen.
Weitere Werke von ihm finden Sie unter:

http://www.mchofmann.de/

 

Die Schwierigkeiten von autistischen Menschen Metaphern zu verstehen

Der folgende Beitrag ist eine verkürzte Version einer Facharbeit von Robin Blomeyer zum Thema „Verständnis von Methaphern bei Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung“. Nachdem die Arbeit zum Thema hinführt und auf einige Definitionen von Autismus und Metaphern eingeht, wird der Umgang mit Methapern wie folgt beschrieben:

Bei Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung kommt es zu Problemen im Gehirn, Verknüpfungen herstellen zu können. Eine einfache Metapher wie das Tischbein, wobei die Stützfunktion des menschlichen Beines auf den Tisch übertragen wird, kann angelernt werden. Aber eine komplexere, bildhafte Redewendung wird häufig wörtlich genommen oder nicht verstanden, da die Transferleistung nicht erbracht werden kann.

Dr. Christine Preißmann beschreibt in ihrem Buch „Asperger Leben in zwei Welten“, wie sie selbst als Betroffene Schwierigkeiten hat, Sprichwörter zu verstehen:

„Manchmal bekommen diese Missverständnisse aber auch eine amüsante Note. Ich hatte bei einer Fortbildung in einem kleinen Ort in der Eifel die Aussage, dass vor Ort spätestens um 18 Uhr die Bürgersteige hochgeklappt würden, wörtlich verstanden. Das hatte mich erschreckt, denn ich wollte am Abend noch spazieren gehen. Zu meinem Erstaunen waren die Bürgersteige auch am Abend noch dort, wo sie hingehörten, und ich lernte, dass dies nur eine Redewendung war, die bedeutete, dass der Ort abends ziemlich ausgestorben wirkt.“

Zwar können Menschen mit Autismus durchaus lernen, was eine einzelne Metapher bedeutet, wenn es ihnen oft und genau genug erklärt wurde. Da die Neuronen im Gehirn eines Autisten aber sehr ineffizient kommunizieren, kann eine neue Metapher nicht mit der bereits vorhandenen neuronalen Verbindung für das metaphorische Konzept verglichen werden. Neue Metaphern werden dieser Logik folgend nicht als bildhafter Ausdruck erkannt, sondern wieder nur wörtlich verstanden.

Eine Systematik nach dem Schema „Die Stützfunktion (c) des menschlichen Beines (a) wird auf den Tisch (b) übertragen. Also (a) ist gleich (b) in Bezug auf (c)”, um eine Metapher zu bilden, kann von Menschen im Autismus-Spektrum genutzt werden. Hierbei bilden sich diese Metaphern jedoch in ihrem Kopf und entsprechen nicht den normal gebräuchlichen Metaphern. So bilden Autisten häufig metaphorische Wortneuschöpfungen nach dem erwähnten Schema: (a) ist gleich (b) in Bezug auf (c).

„So bezeichnete ein Mädchen [mit Asperger-Syndrom] seinen Fußknöchel als »Handgelenk von meinem Fuß« und Eiswürfel als »Wasserknochen«.“

Im Beispiel wurden bei den „Wasserknochen“ das Eis (a) und die Knochen (b) zusammengefügt, mit der Gemeinsamkeit, dass beide hart sind (c). Solche neu erfundenen Metaphern helfen dem Autisten, ein besseres Verständnis für die Welt zu entwickeln und sich überhaupt zu artikulieren.

Menschen mit Autismus-Spektrum-Störung sind also durchaus in der Lage, in gewisser Weise Metaphorik zu verstehen und zu gebrauchen. So helfen zum Beispiel die übertriebene Mimik und Sprache der Charaktere in Zeichentrick-Filmen vielen Autisten dabei, Gefühle zu verstehen. Autisten haben große Schwierigkeiten, ihre Aufmerksamkeit auf Mitmenschen zu richten, jedoch können sie sich gezielt auf Filme einlassen.

Als ein sehr interessantes Beispiel soll der Film „Life, Animated“ von Roger Ross William aus dem Jahr 2016 angeführt werden. Diese Dokumentation zeigt Ausschnitte aus dem Leben der amerikanischen Familie Suskind, deren Sohn Owen Autist ist. Mit drei Jahren hört er plötzlich auf zu reden. Mit seinem älteren Bruder schaut er sich häufig Walt Disney Filme an. Am neunten Geburtstag seines Bruders beginnt Owen wieder zu sprechen, da er erkannte, dass sein Bruder bedrückt war. Er sagt zu seinen Eltern:

„Walter doesn’t want to grow up, like Mowgli or Peter Pan.“

Owen hat also gelernt, Disney Filme als Metapher für Gefühle zu nutzen und als Mittel zur Kommunikation einzusetzen.

Den Eltern gelingt es im Folgenden, Gespräche mit ihrem autistischen Sohn zu führen. Sie begreifen, wie sie ihn, mithilfe von bekannten Handpuppen und Filmzitaten, verstehen und ihm damit helfen können. Owen ist daraufhin in der Lage, im Alter von 23 einen Schulabschluss zu machen und ein halbwegs selbständiges Leben in einer betreuten Wohneinheit zu führen.

Seine großen Fortschritte in der Kommunikation werden vor allem deutlich in einer Rede, die er vor einer Autismus Konferenz in Frankreich hält, zu der er eingeladen wurde. Ein wichtiger Ausschnitt aus seiner Rede ist:

„[…] the way people see those with autism, is that they don‘t want to be around other people, thats wrong […]“

 

Wir hoffen, Ihnen mit unserer Sommerausgabe den Urlaub verschönert zu haben und freuen uns wie immer über Ihr Feedback in den Kommentaren oder per E-Mail an honigreise@enactus.de. Außerdem bedanken wir uns bei unseren Autorinnen und Autoren für die spannenden Beiträge!

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