Honigreise – Herbstausgabe 2019

 

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Begrüßung

Die Temperaturen sinken und die Tage werden kürzer. Die Bäume lassen ihre Blätter fallen und die Welt färbt sich bunt. Es ist Herbst.  An regnerische Herbsttagen ist die neue Ausgabe des Honigreise-Magazins perfekt, um es sich mit einer Wärmflasche an den Füßen, so richtig gemütlich zu machen. Wir wünschen Ihnen viel Spaß beim Lesen! 

 

Nichts ist so praktisch wie eine Theorie

Wer kennt es nicht? Ob Schüler oder Studentinnen: Oft ist der Ruf nach mehr Praxis oder Beispielen laut. Ich als Autist dagegen wäre froh, wenn mehr vom Allgemeinen zum Besonderen abgeleitet werden kann. Das Spontane – also quasi das Induktive – ist eine große Schwierigkeit. Ich bin froh, wenn ich auf die Frage „Wie geht‘s?“ überhaupt etwas zu sagen weiß, meistens beschränke ich mich dabei auf das, was ich gerade mache oder kürzlich tat.
Manchmal wünschte ich, man könne ein ganzes Gespräch vorbesprechen. Fast schon verzweifelt suche ich am Gesprächsanfang nach einem Thema. Wenn ich andere Gespräche höre, merke ich schnell, es geht gar nicht so sehr um den Inhalt, sondern ums Kennenlernen und Abtasten. Vieles sage ich nicht, weil es für mich zu banal klingt. Small Talk ist für mich ein Fremdsprache.
In Bildungskontexten finde ich Diskussionen schwer, zuhören, rechtzeitig etwas sagen, das Zuhören aktiv zeigen, oft gibt es Verzögerungen und wenn ich dann etwas sage, passt es nicht mehr zum Gesprächsfluss. Mir ist tatsächlich das deduktive Format einer klassischen Vorlesung am liebsten: Das ist das Allgemeine und dies hier sind die Anwendungen.
Es ist ein bisschen wie bei Data: Menschlich sein, dafür brauche ich noch Nachhilfe. Vor einiger Zeit erstellte ich eine Matrix. Die blaue Achse sind die Zeitbegriffe. Erfahrung liegt beispielsweise in der Vergangenheit, kann aber als Gedanke manifest werden. Wünschen, etwas zu tun, es aber nicht recht zu können, übt dagegen Druck aus. Was die Gefühle angeht, so sehe ich die größte Polarisierung zwischen Angst und Verliebtheit.
In der Autismus-Forschung wird viel mit dem Begriff „Theory of mind“ gearbeitet, er bedeutet, dass man sich als Autist schwer tut, sich bestimmte Handlungen zu erklären und als Konzept zu sehen. Daher sind Ironie, Sarkasmus, Flappsigkeit, Metaphern manchmal ein Hindernis. Das Schema hilft, Handlungstheorien zu erarbeiten. Zum Beispiel: „Weil sie traurig ist, möchte sie getröstet werden.“ Vor allem aber die richtige Nuance zu finden, ist ein Problem. Das Schema hilft dabei – nichts ist so praktisch wie eine gute Theorie.

ABA – Anne-Doreen Koepp

„Du hast da eine Person dir gegenüber, im physischen (körperlichen) Sinne. Mit Haaren, einer Nase und einem Mund – aber sie sind keine Menschen im psychologischen (geistigen) Sinn. Ein Weg, um mit autistischen Menschen zu arbeiten, ist, sie als Konstrukt zu sehen. Du hast das rohe Material, aber du musst die Person erst erschaffen.“
Dieses (frei übersetzte) Zitat stammt von O. Ivar Lovaas, einem der bekanntesten Therapeuten und Mitbegründer für ABA. Lovaas benutzte in seiner „Verhaltenstherapie“ Elektroschocks, Schläge und Schreien, um Autisten für ihr autistisches Verhalten (wie z.B. Stimming) zu bestrafen. Lovaas nutzte dazu oft einen Viehtreiber. Autisten sollten, seiner Meinung nach, von den ethischen Richtlinien ausgeschlossen werden, da sie in seinen Augen keine richtigen Menschen seien. Des Weiteren ermutigte er die Eltern, diese Methoden auch Zuhause anzuwenden. (vgl. Gallagher, S.M.; Keenan M. (2000); De Luca, R.V.; Holborn, S.W. (1992))

Aber was ist eigentlich ABA?

ABA steht für „applied behavior analysis“, angewandte Verhaltensanalyse. Es wird auch unter dem Begriff Verhaltenstherapie verwendet, oder auch BET (Bremer Eltern-Training). Das Ziel von ABA ist es, autistische Menschen weniger autistisch wirken und aussehen, sie besser in die Gesellschaft einzufügen und unauffällig wirken zu lassen.
ABA Training umfasst bis zu 5 Tage die Woche Therapie, für 24-40 Stunden die Woche. Gewünschtes/erwünschtes Verhalten wird belohnt, unerwünschtes bestraft. (vgl. Zeit 2013)
Klassische Konditionierung.

Ich versuche nun, eine solche Sitzung zu beschreiben.
Wir haben das Kind (x) und den Therapeuten (y).
X spricht wenig, zeigt nicht mit dem Finger auf Dinge und redet am Liebsten von seinem Spezialinteresse. Zudem mag X keinen Körperkontakt, dafür aber liebend gerne Popcorn.
Y kommt nun in den Raum, begrüßt X mit einer Umarmung und fragt X, wie es ihm geht. X (wir erinnern uns, redet nicht gerne) antwortet nur mit einer Körperbewegung. Y hält die Popcorntüte in der Hand und fragt erneut, wie es X geht und verspricht Popcorn bei einer richtigen Antwort. X, sichtlich irritiert und sich unwohl fühlend, schaut weg. Y fragt wieder und wieder, bis X ein leises „gut“ über die Lippen kommt. Y springt vom Stuhl, umarmt X erneut (X mag keinen Körperkontakt) und gibt ihm, überschwänglich lobend, ein Popcorn. X ist überfordert, fängt an, mit den Händen zu flattern. Y geht erneut zu X und hält die Hände fest, fordert X auf, das sofort zu unterlassen. X, natürlich immer noch völlig überfordert, hört nicht auf. Y stellt daraufhin die Popcorn-Tüte weg, sagt X, dass das Verhalten absolut falsch ist und er nun erst wieder reden und Popcorn essen darf, wenn er sich normal benimmt und aufhört zu flattern. Dann setzt sich Y in den Stuhl und ignoriert X.

An diesem Punkt unterbreche ich die Beschreibung, einfach, um die Situation einmal wirken zu lassen.
Ein Autist wird aufgefordert, in einer stressigen Situation, typisches, für den Autisten hilfreiches (!) Verhalten zu unterlassen. Und wird dafür sogar noch bestraft. Fürs Menschsein.

ABA wird oft als effektiv bezeichnet, Studien hätten ergeben, es würde helfen. Weder gibt es Langzeitstudien dazu, noch gab es richtige Kontrollgruppen in den Studien. Wenn es welche gab, waren sie nicht randomisiert (vgl. Lovaas-Studie (1987) ).
Ja, man kann ABA sicher als effektiv bezeichnen, allerdings nur wenn es darum geht, Autisten weniger autistisch aussehen zu lassen. Was man also sieht, ist eine Illusion. ABA konditioniert, ABA kann keine „echten Gefühle“ beibringen. Es wird gerne auf die Studien hingewiesen, schließlich sind sie ja wissenschaftlich belegt. Leider werden nicht die Autisten angehört, die ABA-Therapien über sich ergehen lassen mussten. Ich persönlich kenne nicht einen Autisten, weder hier in Deutschland noch in den USA, der dankbar für diese Therapie ist. Alle haben psychische Probleme deswegen. Von Depressionen über PTBS und Suizidalität ist alles dabei (vgl. Henny Kupferstein 2016/2018). Es gibt so viele Interviews von „ABA-Überlebenden“, alle haben den gleichen Grundtenor:
„Es geht NICHT darum, was für dich (als Elternteil) am Einfachsten oder am Komfortabelsten ist!“

Und tatsächlich ist es ja so, dass die Eltern entscheiden. Denn ABA wird in der frühen Kindheit angewandt. Bei Kleinkindern.

Gehen wir zurück zur ABA-Sitzung.
Nach einer langen Zeit wendet Y sich wieder X zu. X sitzt zusammengesunken und verstört in seinem Stuhl. Y fordert X auf, mit dem Finger auf den Bagger (das Spezialinteresse von X) zu zeigen. X will aufstehen, Y drückt X wieder in den Stuhl und fordert erneut das Fingerzeigen. X dreht sich weg, woraufhin Y das Kinn von X umfasst und den Kopf zu Y dreht. Y erwartet Augenkontakt, dem X aber ausweicht. Wieder sagt Y, diesmal bereits lauter, X solle auf den Bagger zeigen, woraufhin X erneut aufstehen möchte und wieder zurückgedrückt wird. Y nimmt die Hand von X und zeigt zum Bagger. Y verspricht X, wenn er jetzt den Finger ausstreckt, darf er den Bagger anfassen, darüber erzählen und bekommt Popcorn. X resigniert. Y springt auf, lobt erneut mit Umarmung und völlig übertriebenem Verhalten, hält X den Bagger und Popcorn hin, verlangt aber erst noch ein Abklatschen der Hände. X ist erneut irritiert und weiß nicht weiter. Y nimmt wieder die Hand von X und klatscht ab. X soll es nachmachen, dann kann er Bagger und Popcorn haben. X weigert sich und Y stellt alles wieder weg, mit der Aussage, dass X die Sachen nach dem Abklatschen haben darf. X ringt mit sich, resigniert, sackt in sich zusammen und hält die Hand hoch. Erneutes Umarmen, dann abklatschen und wieder überzogenes Loben.
Die Stunde ist vorbei, hinaus geht ein Kind, das ein Stückweit gebrochen wirkt. Der Therapeut ist mit dieser Stunde vollends zufrieden.

Ist ABA ethisch vertretbar? Könnte ich als Elternteil mir verzeihen, mein Kind zu brechen? Nur, weil es „anders“ ist?
Was ist schwieriger? Mein Kind als denjenigen zu akzeptieren, der er ist oder ihn zu begraben, weil ich es nicht akzeptieren konnte?

©️Anne-Doreen Koepp

 

Urlaubsschatten und Seifenblasen – Anna Vaal

In dem folgenden Beitrag möchten wir Euch Anna Vaal vorstellen – Autistin und Buchautorin, die ihre eigenen Erfahrungen und Empfindungen zum Thema Autismus in ihrem inspirierenden Roman „Urlaubsschatten und Seifenblasen“ einfließen lassen hat.

Anna Vaal gehört keiner Konfession und keiner Partei an. Das ist jedoch kein Ausschlusskriterium für aktuelle gesellschaftliche Themen, mit denen sie sich ebenso auseinandersetzt wie mit den Themen, welche im Speziellen ihr Interesse ansprechen. Aktuell brennt sie für Primzahlen und Autismus, zwei Themen, die gerne und oft Einzug in ihre Gedanken halten. 

Hauptberuflich ist sie Mensch und nebenberuflich Autorin. Als solche verfolgt sie das Ziel, andere Menschen an ihren Gedanken und Analysen teilhaben zu lassen. Stets gekoppelt an die Hoffnung, dass die Veröffentlichung derselben zu mehr Aufklärung beitragen. Dass sie zufällig auch Asperger-Autistin ist, ist hierbei nicht von Belang. Diese Diagnose betrachtet sie lediglich als Teil von sich, der keinen Rückschluss auf ihre Persönlichkeit gibt. 

Es gibt zwei Leitmotive, die sowohl ihre Gedanken als auch ihre Analysen beeinflussen, weil sie für sie die Grundsätze des Seins zum Ausdruck bringen. 

Nichts ist endlich. Alles wiederholt sich. & Wir nehmen wahr, also denken wir. 

Sie mag es, ihren Blick über den Tellerrand hinaus schweifen zu lassen, um Zusammenhänge aufzuzeigen, Differenzen zu kontrastieren oder neue Erkenntnisse abseits der gängigen Meinung zu gewinnen. Vielleicht schreitet sie mit dieser Art zu denken auf dem Weg des stärksten Widerstandes, weil niemand mit Freude seine eingetrampelten Denkpfade verlässt und in Stein gemeißelte Wahrheiten hinterfragt. Doch, für sie gleicht genau diese Art zu denken einer Start-up-Mentalität, die sie aktuell in puncto Autismus vermisst.

Für die Zukunft wünscht sie sich deshalb, dass sich die Wissenschaft an der Wirtschaft ein Beispiel nimmt, wo sich das Modell „Start-up“ inzwischen etabliert hat. Oft brauchen Themen eben viele Köche, um das perfekte Rezept für einen komplett neuen Brei zu kreieren, der dann allen Beteiligten schmeckt. 

Wenn die Vorstellung von Anna Vaal Ihr Interesse geweckt hat, dann ist ihr im Juli diesen Jahres veröffentlichtes Buch „Urlaubsschatten und Seifenblasen“ genau das richtige für Sie. Taucht ein in die Welt des Autismus und fiebert mit, wie Alexander, selbst Autist, im Speisesaal eines Hotels seine Traumfrau trifft und ihm zwölf Tage Zeit bleiben, seinen mit Fettnäpfchen gepflasterten Weg zum Glück zu finden.

Der Roman ist bei Amazon sowohl als E-Book, als auch als gebundenes Buch erhältlich.

 

Wie immer freuen wir uns über Rückmeldungen in den untenstehenden Kommentaren oder per E-Mail an honigreise@enactus.deEin großer Dank geht an alle Autoren/-innen für die tollen Beiträge und an unsere zahlreichen Leser/-innen!

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