Honigreise – Winterausgabe 2019

 

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Begrüßung

Liebe Leserinnen und Leser!

Die Weihnachtstage sind vorbei und schon beginnen die Vorbereitungen für das Silvesterfest und den Start in das neue Jahr. Wir hoffen, dass bei Euch zwischen den Feiertagen trotzdem ein wenig Ruhe einkehrt und ihr Zeit findet, die freie Zeit zu genießen. Taucht ein in die neue Winterausgabe von Honigreise und seid gespannt auf den Zusammenhang von Autismus und Star Trek, was hinter dem Verein ElmA e.V. steckt, auf ein neues Cartoon und weitere vielfältige Beiträge. Viel Spaß beim Lesen und einen guten Rutsch ins neue Jahr!

Euer Honigreise-Team

 

Santa hat das Christkind geschluckt – Daniela Ziemann

Im letzten Jahr wartete mein 5-jähriger Sohn noch auf das Christkind. Voller Sorge meinerseits, dass er irgendwann in diesem Jahr herausbekommen wird, dass es das Christkind gar nicht gibt. Und dass er verstehen wird, dass wir ihn angelogen haben. Und voller Sorge, ob er unsere Lüge verstehen wird oder das Vertrauen zu uns nachhaltig gestört sein könnte, Weihnachten gar in den folgenden Jahren für ihn gelaufen sein könnte.  

Mittlerweile ist er 6 Jahre alt, geht mit Integrationshelferin in die 1.Klasse einer Regelschule, lernt lesen und die Zahlen – und glaubt in diesem Jahr nicht mehr an das Christkind. Aber anders , als ich mir das dachte. Denn dieses Jahr kommt bei uns Santa. Dieser amerikanische Typ mit den Rentieren, der in den zahlreichen Filmen über die Mattscheibe flimmert und am Nordpol wohnt. Der sich irgendwie heimlich durch unser Kaminrohr quetschen wird und dann die Milch trinkt und die Kekse wegfuttert. Neuer Typ an Heiligabend – gleiches Problem. Mit strahlenden und hoffnungsvollen Augen blickte er mich auch in diesem Jahr bereits in der Adventszeit an und fragte, ob es denn Santa wirklich gäbe. Und was hab ich gesagt? Ja, hab ich gesagt. Wohlwissend, dass sich unser Weihnachtsproblem damit um ein weiteres Jahr verschiebt.  

 

Mensch sein – Mensch werden? 

Persönliches Logbuch  

Spock, Data, Odo und Seven of Nine – vier Figuren aus dem Stark Trek-Universum mit einer Gemeinsamkeit: Ihr Handicap ist, Menschsein in Gänze zu verstehen und zu leben. Spock ist halb Mensch, halb Vulkanier. Data ist ein Android, Odo ein Formwandler und Seven of Nine eine Borg-Mensch-Frau. Die Figuren fallen mit ihrer größten Schwäche und größten Stärke gleichermaßen auf: Sie können brillant mit Fakten und Wissen umgehen, tun sich jedoch schwer mit sämtlichen Konventionen der sozialen Interaktion, und der Introspektion auf ihre Gefühle. Sie des Öfteren in Fettnäpfchen, sie imitieren, sie fragen. Data muss Small Talk trainieren, im Englischen treffend benannt mit „non-relevant conversation“. Seven of Nine achtet auf Effizienz, möchte lieben, aber ist durch ihre Borg-Natur eingeschränkt. Spock betont seine vulkanisch-logische Seite, aber durch trifft immer wieder das Menschliche durch. Es ist wie eine Frühgeburt, was andere durch Gene und Lernen mühelos schaffen, erlernen die vier über Umwege.  

Diese vier Figuren begeistern mich seit meiner frühen Jugend. Data erhält beispielsweise einen Emotions-Chip und lernt, Vokabeln für den Ausdruck von Gefühlen. Mir waren diese Figuren wie Weggefährte. Vor der Autismus-Diagnose im Alter von 30 Jahren, hat mich das Gefühl begleitet, anders zu sein, unter einer Glasglocke zu sein. Gelangweilt, wenn nur Banales und Offensichtliches angesprochen wird.  

Durch den Begriff des Asperger-Syndroms hat nun alles seinen Namen bekommen. Ich habe gelernt, die eigenen Grenzen anzuerkennen. Und manchmal packt mich der Stolz, wenn ich nach längerem Nachdenken und Analyse von Körpersprache die Motivation und Gefühle der Menschen verstehe, wenn auch meistens im Nachgang und nie unmittelbar. Mir fehlt nichts, nur laufen bei mir manche Dinge des Handelns, Denkens und Fühlens anders. Mensch muss ich nicht mehr werden; ich kann und brauche nicht werden, was ich schon bin: ein Mensch. 

Logbuch-Eintrag Ende.  

 

Autismus und Shutdowns – Nici Bornhak

Ich heiße Nici, bin 25 Jahre alt und wohne seit sechs Jahren in Dänemark. Ich hatte in den letzten zehn Jahren schon oft psychische Probleme. Es hat allerdings bis 2017 gedauert bis ich die Diagnose Asperger Syndrom bekommen habe. Seit meiner Diagnose schreibe ich auf meinem Blog www.unbemerkt.eu über mein Leben und den Alltag mit Autismus.

Kennt ihr das, wenn ihr am Computer zu viele Fenster offen habt, vielleicht doch zu viele Dinge auf einmal erledigen wollt und euer Computer plötzlich abstürzt? Nichts funktioniert mehr. So geht es mir auch hin und wieder. Im Autismus Bereich spricht man in solchen Momenten von einem Shutdown. In diesem Beitrag will ich euch ein bisschen davon erzählen, wie sich ein Shutdown anfühlt, was zu Shutdowns führen kann und was mir persönlich hilft. 

Wie fühlt sich ein Shutdown an? 

Bei mir fühlt sich ein Shutdown tatsächlich so an, als könnte ich gar nichts mehr, weil all meine Energie aus meinem Körper verschwunden ist. Ich tue mir in solchen Momenten wirklich schwer zu reden und mich zu bewegen. Viele wundern sich, ob ich bei Shutdowns tatsächlich die Fähigkeiten verliere aktiv zu sein. Ganz so schlimm ist es nicht. Ich kann tatsächlich reden und mich bewegen, wenn es sein muss. Es fühlt sich aber komplett unmöglich an und es kostet mich extrem viel Energie.  

Was führt zu Shutdowns? 

Es lässt sich vermutlich so zusammenfassen, dass starke Überforderung bei mir sehr oft zu Shutdowns führt. Überforderung bedeutet für mich zum Beispiel zu viele Pläne und zu wenige Pausen zu haben. Wenn ich mit vielen Menschen zusammen bin, verliere ich schnell Energie. Vor allem starke Sinneseindrücke (mehrere Geräusche gleichzeitig oder extreme Lichter) sind auch schwierig für mich. Mir fehlt da ein Filter, der Teile der Sinneseindrücke aussortieren kann. Stress, Unsicherheit und Veränderungen können zudem zu einem Shutdown führen.  

Was hilft bei einem Shutdown? 

Es ist sicherlich bei jedem unterschiedlich, was einem hilft. Persönlich mag ich es, wenn mein Freund in der Nähe ist, wenn es mir schlecht geht. Ich muss mich bei einem Shutdown immer hinlegen und ich brauche sehr viel Ruhe. Gerne liege ich in solchen SItuationen unter meiner Gewichtsdecke. Die ist besonders schwer und hilft mit ihrem Gewicht, dass ich schneller entspanne und Energie tanke. Mein Freund und ich haben schon oft erlebt, dass ich Shutdowns bekommen habe, das heißt, wir wissen beide, wie wir damit umgehen. Mein Freund stellt mir zum Beispiel nur wichtige Ja/Nein Fragen, wenn es mir schlecht geht. Auf die kann ich mit Kopfschütteln oder Nicken antworten. Wenn ich doch etwas Wichtiges kommunizieren möchte, versuche ich immer mein Handy in der Nähe zu haben. Dann kann ich Sachen aufschreiben und meinem Freund die Nachricht zeigen. Hier sind ein paar Beispiele von meinen Texten während eines Shutdowns.  

Mitten in einem Shutdown 

„Kennst du das bei Samsung Handys…Da gibt es so einen Super Energy Saving Mode…wo man gar nichts mehr machen kann. Also fast nichts. So fühlt es sich für mich im Moment an…als ob mein Körper im Super Energy Saving Mode wäre.” 

“Oder kennst du das Gefühl im Körper, wenn man krank ist…wenn man einfach gar keine Kraft mehr übrig hat…So geht es mir.“ 

„Kannst du mich beruhigen und mir sagen, dass alles wieder gut wird?“ 

„Shutdown. Schon wieder. Danke, dass du für mich da bist.“ 

 

Niemals nie – Kate

Niemals jemals wird es geben,
was deine Pläne ändert noch im Leben.
Ob gewünscht ist oder nicht,
dem Geist der Zeit im Angesicht.
All jenes deiner ungelegen,
direkt entschieden abzulehnen.
Hast bis zum Heute nie gedacht,
was das Schicksal aus dir macht.

 

Sag niemals nie,
wenn die Zukunft zu zeigen vermag,
was alles anders kommen mag.
Niemals nie,
wirst nie wissen was deiner entgangen,
dein Herz verschlossen noch im Jetzt gefangen.

 

Doch Situationen die Vernunft in Frage stellen,
Seelen deine Pläne fällen,
Nur du, ein Geist, ein einz’ges Wort,
offenbart dir Facetten an diesem Ort.
Mit ihnen neue Platten aufzulegen,
erkundest neue Art zu leben,
wenn Schicksale wechseln das Gewand,
abholdes Selbst in fremdem Land.

 

Sag niemals nie,
lass für dich die Zeit entscheiden,
allein dein Herz dich leiten.
Niemals nie,
zum Glück einst dir gegeben,
wenn alles anders kommt im Leben.

 

Ein Wort, ein Impuls vermag,
wie jeder Herzschlag,
kann die Welt verändern.

 

Und auf einmal ist alles anders.

 

Frisch gebackene Texte – Dennis Hofmann

 

Diesen lustig-bunten Cartoon hat Herr Hofmann eigens für die Winterausgabe entworfen.
Weitere Werke von ihm finden Sie unter: http://www.mchofmann.de/

 

Interview mit dem Verein ElmA e.V.

Wie ist es dazu gekommen, den Verein zu gründen?  

Wir haben den Verein gegründet, weil ich mir Sorgen um die Zukunft meines Sohnes mache. Mein Sohn ist Autist und hat weitere Beeinträchtigungen und ich frage mich immer, was mit ihm passiert, wenn ich nicht mehr für ihn sorgen kann. Zudem sieht auch seine Therapeutin bei ihrer Arbeit, wie schwierig es ist, für Autisten eine geeignete Unterbringung, die ihren Bedürfnissen entspricht. Deshalb hat auch sie ein Interesse, sich hierfür einzusetzen. Da wir unser Ziel, nämlich ein für Autisten geeignetes Wohnheim zu bauen, nicht ohne Unterstützung erreichen werden, haben wir den Verein ELmA e.V.  gegründet. 

Wie groß ist der Verein/euer Team?  

Momentan besteht der Verein aus fünf aktiven Mitgliedern. Wir sind immer auf der Suche nach neuen Mitgliedern, jedoch gestaltet sich dieses sehr schwierig, weil vielen Menschen das Bewusstsein fehlt, dass für Autisten zu wenig gesorgt ist, wenn die Eltern sich nicht mehr um sie kümmern können. Auf Plätze in geeigneten Wohnheimen wartet ein Autist viele Jahre.  

Was ist seit eurer Gründung alles passiert?  

Wir haben nach der Gründung ein Konzept geschrieben und dieses Konzept an Interessierte verteilt. Weiter haben wir Flyer entworfen und diese in Schulen, bei Ärzten, Banken, Apotheken und Geschäften ausgelegt. Gerade haben wir unseren zweiten Weihnachtsbasar gehabt. Zudem wurde auf einem Weihnachtsmarkt in der Nähe eine Spendenaktion zugunsten unseres Vereins ausgerichtet.  

Wie sieht das Konzept von ElmA aus? / Was ist die Grundidee?  

Die Idee, die wir in unser Konzept aufgenommen haben, ist die Errichtung eines Wohnheims für 30 Bewohnern, die dort in kleinen Wohngruppen von 4-6 Bewohnern untergebracht werden und eine ihren Bedürfnissen entsprechende Betreuung erhalten sollen. 

Bietet das Wohnheim auch eine langfristige Betreuung oder geht es primär um Kurzzeitbetreuungen?  

Vorgesehen sind Langzeitplätze. Als Zusatzangebot möchten wir aber auch Kurzzeitpflegeplätze und Ferienbetreuung anbieten.   

Habt ihr schon Vorstellungen, wie der Tagesablauf eines Bewohners aussehen kann?  

Einen einheitlichen Tagesablauf wird es nicht geben, sondern es werden individuelle Pläne erstellt je nach den Bedürfnissen der einzelnen Wohngruppen. 

Vorgesehen ist auf jeden Fall eine Teilhabe an den anfallenden alltäglichen Aufgaben wie Kochen, Tischdecken, Aufräumen, Saubermachen je nach den Fähigkeiten der einzelnen Bewohner. Da in dieser Einrichtung auch Therapieräume zur Verfügung stehen werden, wird hier dann auch individuell Therapie für jeden Bewohner angeboten werden. Zusätzlich wird es verschiedene Möglichkeiten der Freizeitgestaltung geben. 

Wo soll das Wohnheim errichtet werden?  

Das Wohnheim soll irgendwo in Ostfriesland zwischen Norden und Leer errichtet werden. 

Werden die Betreuer/innen ebenfalls im Wohnheim leben und jederzeit als Ansprechperson erreichbar sein?  

Nein, Betreuer/innen werden nicht in dem Wohnheim leben. Aber es wird eine 24 Stunden Betreuung gewährleistet sein.  

Welche Voraussetzungen bringen ideale Betreuer/innen mit?  

Unser Personal wird aus Heilerziehungspfleger/innen, Erzieher/innen, verschiedenen Therapeuten bestehen. Diese werden auch noch speziell auf die Arbeit mit Autisten vorbereitet.  

Wie stellt ihr Kontakte zu möglichen Bewohnern her? Gibt es für Eltern die Möglichkeit, Euch vorher kennenzulernen oder “probeweise” zu Besuch zu kommen?  

Sobald Baubeginn des Wohnheimes ist, werden wir auf den verscheiden Plattformen eine Ausschreibung machen und dann mit den Interessierten persönlich Kontakt aufnehmen.  

Wie sehen die nächsten Schritte auf dem Weg zur Umsetzung eures Projektes aus?  

Wir werden den Kontakt zum Land Niedersachsen, zu den Ämtern, Gemeinden und Sponsoren suchen. Wir werden weiter für unsere Idee werben und versuchen interessierte Investoren zu finden, die unser Projekt unterstützen.  

Wenn Ihr neugierig geworden seid und mehr über ElmA e.V. und die Fortschritte des Projekts erfahren wollt, besucht gerne die Website unter folgendem Link https://elma-e.jimdosite.com/.

 

Wir hoffen, Ihnen mit unserer Winterausgabe die Feiertage verschönert zu haben und freuen uns wie immer über Euer Feedback in den Kommentaren oder per E-Mail an honigreise@enactus.de. Außerdem bedanken wir uns bei unseren Autorinnen und Autoren für die spannenden Beiträge!

4 Gedanken zu „Honigreise – Winterausgabe 2019

  1. Danke, liebes Honigreise Team für die interessante Winterausgabe und überhaupt vielen Dank für Ihr Magazin. Mir war es eine Freude, als mein Buch „Nur zu zweit“ über das Leben mit meinem autistischen Sohn im Frühlings-Magazin 2019 vorgestellt wurde. Innerhalb meines Buches habe ich auch unser Elternprojekt erwähnt. Wir nennen es „Daheim“, es beinhaltet große Ähnlichkeit mit dem Konzept des ElmA e. Vereins, deshalb auch dieses Schreiben. Ich wünsche dem Elternverein viel Erfolg. Wir hatten keinen, trotz mehrfacher Zusagen der zuständigen Sozial-Landesregierung. Und so warten und drängen wir seit 12 Jahren auf die Umsetzung. Unser „Daheim“ Konzept ist auf 6 Seiten gut übersichtlich aufgegliedert. Vorwiegend dachten wir an ältere Autisten, wollten für sie ein zu Hause schaffen, wenn Eltern nicht mehr für sie sorgen können, weil zu alt, zu krank oder nicht mehr am Leben. Falls Sie daran interessiert sind, übermittle ich gerne den Text.

    1. Hallo Frau Karner,

      ich habe gerade ihren Beitrag gelesen und bin interessiert an Ihrem Text.
      Denn vorallendingen, ältere Autisten oder Betroffene ohne Angehörige,denke ich,
      sind ein brisantes Thema.
      Wünsche Ihnen alles Gute und viel Erfolg und Gesundheit in Ihrem Leben.

      Grüße,
      Verena Zweckerl

      1. Hallo Verena Zweckerl,
        gibt es dich zweimal oder habe ich dich tatsächlich übers Internet gefunden. Wenn ja, dann wünsche ich dir alles Gute zum Geburtstag!
        Liebe Grüße, Verena Ptach

  2. Liebe Frau Zweckerl,

    Frau Wege hat mich auf Ihr Interesse an unserem Projekt aufmerksam gemacht. Ich sende es Ihnen per Email und wünsche Ihnen und Ihrer Selbsthilfegruppe viel Erfolg. Falls Sie Fragen haben, schreiben Sie mir bitte per Email.
    Herzliche Grüße
    Monika Karner

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